"Wie ich mit toten Ratten lernte..."

ein Erfahrungsbericht aus der 'Deutschen Junior Akademie NRW'
von Nettie Chau (EF)

Zehn Tage lang war ich ein Teil der diesjährigen Junior Akademie 2016 in Königswinter. Die Junior Akademien fanden in den Sommerferien statt und sind speziell für begabte SchülerInnen, die sich außerhalb des Unterrichts weiterbilden möchten.

Dort habe ich nicht nur einen neuen Einblick in ein Themengebiet bekommen, dass so nicht in der Schule besprochen wird, sondern auch tolle, neue Menschen kennen gelernt. Neben einzigartigen Kursen wie Astrophysik oder Forensik, das Fachgebiet für Leichen und Tatortuntersuchung, an dem ich selbst teilgenommen habe, gab es viele unterschiedliche Angebote außerhalb der „Kurse“. Jedoch ist noch zu erwähnen, dass der Tag bereits früh anfing. Ich kann aber versichern, dass das frühe Aufstehen sich definitiv gelohnt hat, dafür was ich dort erleben durfte.

Obwohl es feste Kurse gab, waren diese anders als man gewohnt war. Zwar führt man auch in der Schule einige Experimente durch, jedoch steht die Praxis auf der Akademie noch viel mehr im Vordergrund. Beispielsweise hat der Forensik Kurs täglich mindestens einen Praxisteil beinhaltet. Die Themen an sich waren zwar bereits außergewöhnlich, aber die Experimente, die wir intern noch durchgeführt haben, hätte das Spektrum des regulären Unterrichts gesprengt. Wir haben uns nicht nur unsere eigene DNA entnommen und als Andenken mit nach Hause nehmen dürfen, sondern auch unsere eigene Bodyfarm errichtet und prominente Besucher, wie Mark und Lydia Benecke, gehabt. Beide sind in bestimmten Bereichen der Forensik spezialisiert und zwar sind diese die Kriminalbiologie und die Kriminalpsychologie. Mit Lydia Benecke haben wir beispielsweise ermittelt, ob Lord Voldemort nach bestimmten Kriterien ein Psychopath sei, wohingegen wir mit Mark Benecke die Insekten und Leichen auf unserer Bodyfarm untersucht haben.

Bodyfarmen sind hauptsächlich in den USA zu finden, wo Leichen unter unterschiedlichen Umständen verwesen und diese Prozesse untersucht werden. Anstelle von menschlichen Leichen haben wir jedoch tote Ratten verwendet. Anzumerken ist aber, dass diese Ratten nicht speziell für unsere Experimente getötet wurden. Diese Leichen wurden dann auf dem Gelände des CJDs begraben, an Bäumen auf gehangen, unter Luftverschluss untergebracht, verbrannt, auf dem Boden liegen gelassen oder im Wasser versunken. Während der 10 Tage haben wir dann die Veränderungen der Leichen an sich, aber auch die Unterschiede unter den Leichen untersucht. Mit der Zeit wurde der Geruch der Versuchsobjekte jedoch so stechend, dass dieses Experiment für fast den gesamten Kurs schon unangenehm wurde.

Die Freizeit, die wir im Laufe der Akademie haben sollten, sollte so klein wie möglich ausfallen, denn zwischen Kursen und Mahlzeiten gab es Angebote wie den traditionellen Chor der Akademie, Sportkurse und sogenannten KüAs, sodass nur wenig Zeit für Langeweile blieb.

Die vorhin erwähnten KüAs sind sogenannte Kurs übergreifende Angebote. Diese wurden jedoch größtenteils nicht von den Kursleitern angeboten, sondern von den Teilnehmern selbst. Diese haben zum Beispiel Sprachkurse bis hin zu American Football angeboten. Es war toll an diesen teilzunehmen und zu sehen, was für unterschiedliche Hobbys und Interessen die anderen Teilnehmer haben. Die Leitung der Teilnehmer hat zu meiner Überraschung, sehr gut geklappt. Dies war auch einer von vielen Gründen für mich, warum die Junior Akademie ein so großer Unterschied zur regulären Schule war.

Neben den Kursen und den KüAs war für mich die Gemeinschaft der Teilnehmer sehr stark und faszinierend. Uns wurde zwar schon öfters gesagt, dass wir zusammenwachsen würden und uns es am Ende schwer fiel uns zu verabschieden, dies habe ich selbst zunächst aber nicht geglaubt. Wie solle es möglich sein innerhalb von 10 Tagen zu so einer Gemeinschaft zu wachsen? Doch diese Frage wurde mir schon bald beantwortet.

Neben der Zeit innerhalb der Kurse waren für unser Zusammenwachsen, tatsächlich die Sportkurse verantwortlich. Vor allem der Vertrauensparcours hat meiner Meinung nach dazu beigetragen unser gegenseitiges Vertrauen zu stärken. Zu meiner Überraschung fand der Parcours schon relativ am Anfang statt, wo wir uns gegenseitig noch kaum kannten. Dieser bestand darin uns gegenseitig blind über und durch Hindernisse zu führen. Und zwar mit Personen außerhalb des Kurses und häufig auch mit Leuten, mit denen man zuvor kaum ein Wort gewechselt hat. Doch das Vertrauen wuchs so rasant, dass die meisten es kaum realisieren konnten, dass sie einem völlig Fremden so viel Vertrauen geschenkt haben.

Letzten Endes hat sich dann doch der schwere Abschied bestätigt, da ich erst dann realisieren konnte, welch besondere Menschen ich begegnen und kennen lernen durfte. Und obwohl die Junior Akademie bereits vorbei ist, wird sie immer ein Teil meines Lebens sein, da es nichts gibt, das meine dort gewonnenen Erfahrungen und Beziehungen ersetzen könnte.